Our eARTh
Ein Stück Ackerland, Erinnerungen aus meiner Kindheit und die Antwort meines Bruders auf eine eher zufällig gestellte Frage haben mich bewogen, mich mit dem Braunkohletagebau im Rheinischen Revier auseinander zu setzen.
Die Ausstellung ‘our eARTh’ im Internationalen Lyceum Club Zürich (Nov. 2024) gibt mir die Gelegenheit, etwas von Garzweiler II und von ‘meiner Erde’ zu zeigen. Das ist mir wichtig! Ich mache keinen Protest, ich will aufmerksam machen.
Wir brauchen Strom, aber der Eingriff in die Natur ist enorm. Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland meint sogar: Es gibt keinen grösseren Eingriff in die Umwelt als einen Braunkohletagebau, er ist der «ökologische Super-GAU».
Im Tagebau Garzweiler lagern in bis zu 210 Metern Tiefe etwa 1.2 Milliarden Tonnen Braunkohle, 35 Millionen Tonnen werden jährlich gefördert. Die Kohle dient ausschliesslich zur Stromerzeugung in den nahgelegenen Kraftwerken.
Meine Arbeit präsentiere ich auf einem 242cm x 176cm grossen Paravent (4 Paneele) auf Rollen.
Auf der Vorderseite sieht man einen Teil der riesigen Grube, einen 100 Meter hohen Schaufelradbagger sowie einen QR-Code, der zu einem eindrücklichen Video führt.
In der Mitte der Rückseite zeige ich das Haus und den Hof meiner Grosstante in Keyenberg, die Kutsche aus Porzellan und die Geschichte ‘Die Kleine O’. Auf den beiden Seiten-Paneelen ‘wachsen’ grüne Pflanzen: werden die Paneele nach vorne zugeklappt, geben sie einen Hinweis auf die Rekultivierung der Abbaufelder.
Die kleine O und ihre Welt
Einst und Jetzt
Ihre Oma hatte 14 Geschwister, die kleine O lernte nur drei von ihnen kennen. Ihre anderen Geschwister hatte Oma schon früh verloren.
Die Grosstante Bertha ‘Tanti’, in deren Haus O geboren wurde, hat die Oma oft besucht. Mit Christine ‘Tante Tin’ hatten ihre beiden Schwestern nicht so viel Kontakt. Bei ‘Onkel Johan’ war O einmal in den Ferien.
Die vornehme fromme ‘Tante Tin’ lebte in Keyenberg, schon ein bisschen weiter weg von der Familie. O erinnert sich aber gut, dass die Oma sie einmal zu einem Besuch dorthin mitgenommen hat.
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Es war Sommer. Sie beide gingen in Richtung Friedhof auf einem schmalen Weg, der von Gemüsegärten und Hecken auf der einen und von Bäumen mit fruchtbaren Feldern dahinter auf der anderen Seite gesäumt war. Die Luft war angenehm warm, das Licht flimmerte – ein herrlicher Tag.
Die kleine O und ihre Oma besuchten ‘Tante Tins’ Söhne auf dem grossen Hof. Zum Kaffee und Kuchen gingen sie aber nebenan in das herrschaftliche Haus von ‘Tante Tin’. Diese nahm O bei der Hand und führte sie in den Salon, ein lichtdurchfluteter Raum mit schweren, altdeutschen Möbeln. Und da auf der Anrichte stand sie, die grosse Porzellankutsche, von zwei Pferden gezogen. Eine wunderschöne Gräfin im Spitzenkleid sass darin. Os Augen wurden ganz glänzend – so etwas Schönes hatte sie noch nie gesehen.
***
Jahrzehnte später, als ich von ‘Rheinbraun’, von der RWE Power AG und von Hambach, Inden, Garzweiler I hörte und dann noch von Garzweiler II, dem das Dorf Keyenberg zum Opfer fallen sollte, fiel mir der Besuch dort bei der Grosstante wieder ein.
Nur schon die Vorstellung, dass die Einwohner ganzer Ortschaften umsiedeln mussten, ihre Häuser, Kirchen und Tore abgerissen, Brunnen zugeschüttet, Bäume gefällt und Gärten vernichtet würden, tat mir im tiefsten Inneren weh.
Was passiert mit Menschen, denen man ihre Geschichte nimmt und das, was sie aufgebaut hatten, deren Kulturgüter und Land man zerstört? Wie haben es diese Menschen geschafft, mit der Zerstörung des ihnen seit Jahrzehnten vertrauten Umfeldes umzugehen, ohne zu verzweifeln?Können sie wieder Wurzeln schlagen in ihrem neuen Zuhause?
Ich musste auch an die Kutsche, die Pferde und die Edeldame in ihrem rosa-weissen Spitzenkleid denken. Was ist wohl mit dieser fragilen Kostbarkeit passiert?
Wenn ich auf Familienbesuch war und wir mit dem Auto in die Nähe der Braunkohle-Abbaugebiete fuhren, war es meistens schon dunkel oder ich schloss die Augen. Lange habe ich mich dagegen gewehrt, wollte nicht sehen was Menschen aus Wirtschaft und Politik sich erlaubt hatten, dem Land, der Natur und letztlich sich selber anzutun. Erst im Zürcher Hallenstadion, auf grosser Leinwand, sah ich in einem Dokumentarfilm der BBC zum ersten Mal die Bilder von der gigantischen Zerstörung der Landschaft in meiner alten Heimat.
Vor kurzem fragte ich meinen Bruder, ob Keyenberg schon dem Bagger zum Opfer gefallen sei. Nein!
Im Jahr 2021 beschloss die Regierung der Bundesrepublik Deutschland die neue „Leitentscheidung 2021: Neue Perspektiven für das Rheinische Braunkohlerevier – Kohleausstieg entschlossen vorantreiben, Tagebau verkleinern, CO2 noch stärker reduzieren“.
Die Entscheidung über die Weiterführung des Tagebaus Garzweiler wurde im März 2021 bis Ende 2026 ausgesetzt.
Nach der Landtagswahl 2022 schrieben die CDU und das Bündnis 90/Die Grünen in ihrer Koalitionsvereinbarung, dass der Ausstieg aus der Braunkohle bis zum Jahr 2030 erfolgen soll. Die Landesregierung Nordrhein-Westfalen und die RWE Power AG einigten sich im Oktober 2022, den Vorschlag der Bundesregierung aufzunehmen und den Braunkohleplan entsprechend zu ändern.
Wohl sieht die Vereinbarung die weitere Förderung von bis zu 280 Millionen Tonnen Braunkohle vor, doch das frühere Ende für den Tagebau Garzweiler bedeutet auch, dass die Erkelenzer Dörfer des dritten Umsiedlungsabschnitts Keyenberg, Kuckum, Ober- und Unterwestrich, Berverath sowie die drei Feldhöfe Roitzerhof, Eggerather Hof und Weyerhof (die „Holzweiler Höfe“) nicht zerstört werden.
Etwa 85% der Bewohner wurden längst umgesiedelt. Die allermeisten Gebäude gehören der RWE. Keyenberg und die anderen durch die Einigung endgültig geretteten Dörfer sollen revitalisiert werden. Umsiedler erhalten die Vorkaufsoption, sie können ihre Häuser von der RWE zurückkaufen.
Jetzt wollte ich mir selber ein Bild machen. Im August 2024 habe ich das riesige Loch mit eigenen Augen gesehen und bin am Abgrund gestanden. Grauen und Faszination liegen nah beieinander.
Welche ökologischen Folgen dieser gewaltige Eingriff in die Natur haben wird, kann niemand sicher voraussagen. Stark betroffen von dieser einschneidenden Veränderung der Landschaft sind in Zukunft die Trinkwassergewinnung und der Grundwasserhaushalt.
Mit der Rekultivierung hat man bereits begonnen. Im Tagebaugelände von Garzweiler II soll ein weiterer See entstehen. Das Restloch wird ab 2036 mit Rheinwasser aufgefüllt, was über 40 Jahre lang dauern wird.
Die wunderschöne Kutsche mit der Gräfin und das Pferdegespann bleiben als schöne Erinnerung in meinem Kopf – und die ist unzerstörbar!
Maria Odilia Ostertag






Eindrückliches Video über den
Braunkohle-Tagebau.
Mit freundlicher Genehmigung von
Bastian Von Der Linde
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RWE Aussichtspunkt Tagebau
Garzweiler / Skywalk